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Regen-Tour


Geländedarstellung: © 1998 Microsoft (Encarta)
[Di, 21. Juli 2009]

Da Johanna und Dieter an diesem Morgen gerne etwas l√§nger schlafen wollen, bleibt uns genug Zeit, nach dem Fr√ľhst√ľck, Ausr√ľstung und Kleidung zu sortieren und das, was wir nicht mit ins Boot nehmen wollen, im Auto zu verstauen. Leider ist mein Schl√ľsselbund an diesem Morgen verschwunden. Eine hektische Suche beginnt, bei der wir alles, was wir bereits so sch√∂ne verpackt hatten, wieder aus den Taschen holen und durchw√ľhlen m√ľssen. Obwohl ich mir sicher bin, dass das Ding nicht verloren gegangen sein kann und irgendwo zwischen unseren Sachen stecken muss, fragen wir auch bei der Rezeption nach — ohne Erfolg! Unser sch√∂nes Zeitpolster schmilzt dahin. Inzwischen sind auch Johanna und Dieter von ihrem Wohnmobil zu uns her√ľber gekommen. Gefr√ľhst√ľckt haben sie nicht, weil sie am Abend zuvor so viel gegessen haben, wie sie sagen. Daf√ľr sind sie mit dem Packen schon fertig. Nachdem ich s√§mtliche Taschen und Kleidungsst√ľcke durchsucht und schon fast schon resigniert habe, wei√ü ich pl√∂tzlich, wo der Schl√ľssel steckt. Kordula hat am Vorabend unsere H√§ngematte zwischen den zwei B√§umen neben unserer H√ľtte ausgebreitet und sich darin geaalt. Nachdem ich sie kurz vor dem Schlafengehen abgeh√§ngt hatte, hatte ich sie auf eines der Betten gelegt, auf dem ich auch immer wieder zwischendurch den Schl√ľssel abgelegt hatte. Als ich dann an diesem Morgen die H√§ngematte in ihre Tasche und danach ins Auto gepackt habe, muss sich der Schl√ľssel darin verfangen haben. Volltreffer! Keine halbe Minute sp√§ter befreie ich den Schl√ľsselbund aus dem Gewirr der H√§ngematte und bin ziemlich erleichtert. Endlich kann es los gehen!

Wir bezahlen unsere √úbernachtungskosten an der Rezeption und geben den Schl√ľssel f√ľr die H√ľtte zur√ľck. Dann brechen Dieter und ich in unseren Fahrzeugen in Richtung Cham auf. Johanna und Dieter haben kein Zelt mit sich und wollen heute nacht wieder im Wohnmobil schlafen, und daf√ľr muss es erst einmal an unser heutiges Etappenziel gebracht werden. Unser Auto wird, nachdem ich Dieter zur√ľck nach Blaibach gebracht habe, in Blaibach bleiben, bis wir es am Ende unserer Paddeltour auf dem Regen gegen Ende der Woche abholen.

In Cham gilt es zun√§chst den in unserer Paddelbeschreibung vom Tourismusverband Ostbayern e.V. erw√§hnten Zeltpatz zu finden. Ausgeschildert ist er nicht, und so halten wir schlie√ülich bei einem gr√∂√üeren Parkplatz an, um uns durchzufragen. An der Tankstelle gegen√ľber belehrt mich die Kassiererin erst einmal dar√ľber, dass es in Cham keinen Campingplatz gebe, wohl aber eine Zeltm√∂glichkeit f√ľr Flusswanderer auf der Wiese des ortsans√§ssigen Kanuclubs. Dank ihrer Wegbeschreibung finden wir schnell zu dem Gel√§nde, das — inzwischen ist es Mittag — wie ausgestorben ist. Auf dem Parkplatz neben dem Geb√§ude stellt Dieter das Wohnmobil ab. Dann fahren wir in meinem Wagen zur√ľck nach Blaibach.

Entgegen meiner urspr√ľnglichen Planung stelle ich unser Auto nicht auf dem Parkplatz im Ortsinneren von Blaibach ab, sondern auf dem Campingplatz, was uns inzwischen kostbare Zeit spart. Zudem sind 1,50 Euro am Tag f√ľr etwas mehr Sicherheit vielleicht doch keine √ľbertrieben hohe Investition. Kordula und Johanna haben sich inzwischen die Zeit bei unseren Booten an der Einstiegsstelle in den Regen vertrieben. Johanna und Dieter m√ľssen lediglich ihren mit wenig Tagesgep√§ck beladenen Kanadier zu Wasser lassen, wir dagegen haben unsere komplette Ausr√ľstung an Bord, die nun noch einmal richtig verstaut und festgezurrt werden will, was beim ersten Mal in einem Urlaub immer besonders viel Zeit kostet. Der Umstand, dass wir dabei auf einem schwankenden Steg stehen, an dem st√§ndig andere Camper ihre Kajaks zu Wasser lassen oder wieder herausholen, hilft uns dabei wenig. Auf die eigentlich naheliegende Idee, zumindest unser Zelt und unsere Schlafs√§cke einfach in Dieters Wohnmobil zu schmei√üen, sind wir an diesem Morgen irgendwie nicht gekommen. Dann — es ist schon weit nach 13.00 Uhr, und Johanna und Dieter sind vom Im-Kreis-herum-Paddeln schon fast m√ľde — sitzen auch wir endlich im Boot und freuen uns auf die erste Tagesetappe dieses Urlaubs.

Der Regen hat wenig gemeinsam mit den teich√§hnlichen Gew√§ssern, auf denen wir die Sommer der letzten Jahre verbracht haben. Eine gesunde Str√∂mung erspart uns Paddelpausen, in denen man wenig oder gar nicht vorankommt. Daf√ľr gibt es das ein ider andere Hindernis zu bew√§ltigen. Nach wenigen Metern geht es schon zur Sache, und wir m√ľssen uns weit rechts halten, wo uns ein Schwall an einigen Steinen vorbeitr√§gt. Dann jagen wir schon an dem links gelegenen Wasserwanderrastplatz vorbei und unter der Blaibacher Br√ľcke her, wo uns die Paddelbeschreibung das zweite Joch von links ans Herz legt.

Als wir nach 3,5 km an Miltach bei Flusskilometer 102 vorbeiziehen, wo es am linken Ufer einen Rastplatz mit einer Aussiegsstelle gibt, haben wir uns an das neue Paddel-Feeling gew√∂hnt. Meist lassen wir Johanna und Dieter ein wenig vorausfahren. Als passionierter Wildwassersportler hat Dieter den besseren Blick f√ľr Steine, die unter der undurchsichtigen Wasseroberfl√§che lauern, und daf√ľr, wie man ihnen aus dem Weg geht. Au√üerdem steckt sein Kanadier im Zweifelsfall einen Kratzer besser weg als unsere empfindliche Faltboothaut. Leider hauen die beiden ganz sch√∂n rein — aus Sorge gegen√ľber unserem schnelleren Faltboot zu langsam zu sein und uns bei unserer Paddelei zu bremsen. Es dauert eine ganze Weile, sie davon zu √ľberzeugen, dass wir eigentlich ganz gerne das Paddel alle paar Minuten aus der Hand legen, um uns einfach treiben zu lassen.

Bei Flusskilometer 100 wartet das n√§chste Hindernis auf uns. Ein Felsriegel erstreckt sich quer durch den Fluss. Lediglich auf der rechten Seite gibt es einen Durchbruch. Dahinter lauern Felsbl√∂cke im Wasser. Obwohl ich die Gefahr fr√ľhzeitig erkenne, gelingt es mir nicht mehr, das schwerf√§llig reagierende Boot rechts daran vorbei zu man√∂vrieren, und wir schrammen mit dem Heck am Fels entlang. Zum Gl√ľck bleibt dies ohne schlimmere Folgen f√ľr unsere Bootshaut. Andere stellen sich jedoch ungeschickter an als wir. Eine ganze Armada von Kanadieren, vollgepackt mit Jugendlichen, ist gerade dabei, den Hindernisparcours zu bew√§ltigen. Ihr Gruppenleiter hat sich im Wasser an dem Felsriegel aufgebaut, um alle Boote unbeschadet durch die L√ľcke zu dirigieren. Doch einen der Kanadier — im Boot sitzen drei M√§dels — muss er am Ende doch mit Muskelkraft davon abhalten gegen den Felsriegel zu brettern.

Auf den n√§chsten Kilometern fordern immer wieder gr√∂√üere und kleinere Felsbrocken im Wasser unsere Aufmerksamkeit. Dann erreichen wir Chamerau, wo sich das Wasser dank des Wehrs wieder weitgehend beruhigt hat. 9,5 km liegen bereits hinter uns. Auf der linken Seite des Wehres gibt es eine Bootsrutsche, die jedoch bei zu hohem Wasserstand nicht befahren werden soll. Letzteres soll laut unserer Paddelbeschreibung durch eine rote Beschilderung zu erkennen sein. Wir erkennen jedoch gar keine Beschilderung, weder rot noch gr√ľn. Lediglich eine Stange an der Bootsgasse, deren rot gestrichenes Ende aus dem Wasser ragt, l√§sst uns r√§tseln, ob es sich bei ihr um die besagte Beschilderung handelt. Dieter steigt neben der Rutsche aus dem Boot und sieht sich die Sache erst einmal von oben an, w√§hrend wir und eine weitere doppelk√∂pfige Besatzung in einem Kajak unsicher abwarten. Letztere schieben sich schlie√ülich an uns vorbei, und als Dieter ihnen zuruft, sie k√∂nnten ruhig durch die Bootsgasse fahren, das sei kein Problem, folgen sie seinem Rat. Dann sind wir an der Reihe. Vorsichtig bringen wir das Faltboot vor der Rutsche in Position. Die Gasse ist h√∂llisch eng. Zwischen Boot und Betonwand scheint keine Handbreit zu passen. W√§hrend Kordula forsch vorw√§rts zu paddeln beginnt, verl√§sst mich der Mut, und ich lege den R√ľckw√§rtsgang ein, so dass wir auf der Stelle stehen. "Sollen wir wirklich?" rufe ich zu Kordula nach vorne, die jedoch bei dem L√§rm des tosenden Wassers vor uns kein Wort versteht und sich nur wundert, dass wir nicht mehr vom Fleck kommen. Nachdem sie zu protestieren beginnt, gebe ich schlie√ülich meinen Widerstand auf. W√§hrend Kordula vor Vergn√ľgen quiekt, bete ich nur noch, dass wir heil dort unten ankommen. Doch es geht gut. Wenig sp√§ter kommen auch Johanna und Dieter hinter uns her gerutscht, und erz√§hlen uns, dass die Leute, die in dem Café oberhalb des Wehres sa√üen, wohl ihren Spa√ü gehabt h√§tten — vor allem, weil sie dachten Johanna und Dieter w√ľrden sich nicht durch die Rutsche trauen und deshalb erst einmal alle anderen Boote nach vorne schicken.

Wir lassen den Wasserwanderrastplatz in Chamerau links an uns vorbeiziehen und nehmen Kurs auf das 6 km flussabw√§rts gelegene Chamm√ľnster. Die Tour verl√§uft auf diesem Abschnitt ruhig und beschaulich. In zahlreichen Windungen schl√§ngelt sich der Fluss zwischen Wiesen und Feldern durch das pl√∂tzlich breiter werdende Tal. Dann beginnt die entlang des Flusses verlaufende B20 das Idyll zu beeintr√§chtigen. Direkt an dieser stark befahrenen Verkehrsader hat man den Wasserwanderrastplatz von Chamm√ľnster platziert — ein in h√∂chstem Ma√üe unattraktiver Ort. Doch nach mittlerweile 16 km, die wir ohne Unterbrechung im Boot gesessen haben, ist eine kleine Pause √ľberf√§llig. Johanna und Kordula wagen ein Bad im Fluss, wo sie sich st√§rker anstrengen m√ľssen, um gegen die Str√∂mung anzuschwimmen als zun√§chst gedacht. Danach knabbern Johanna und Dieter an ihren Broten, ihre erste Mahlzeit des Tages, und wir an unseren Campingplatz-Br√∂tchen, ehe wir unsere Prinzenrolle-Kekse aus dem Rucksack kramen.

Auf den letzten 4,5 km wartet die einzige Umtragestelle des Tages auf uns. Bei der Wehranlage Cham-Altenstadt — nur 1,5 km von unserem Tagesetappenziel entfernt — hei√üt es f√ľr uns rechts anlegen, aussteigen, Bootssack und -wagen abschnallen und das Faltboot f√ľr ein paar Dutzend Meter Feldweg auf den Wagen zu hieven. Der Wiedereinstieg stellt eine gewisse Herausforderung dar, weil man hier in der Str√∂mung unmittelbar unterhalb des Wehres einsetzen muss. W√§hrend Johanna und Dieter hier wieder ins Boot steigen, gehen wir noch ein paar Meter weiter, wo sich eine von der Str√∂mung abgeschirmte Bucht befindet. Die B√∂schung ist hier zwar etwas steiler und der Untergrund etwas matschiger, doch daf√ľr bekommen wir unsere Sachen wieder stressfrei auf dem Heck des Bootes festgezurrt.

Kurze Zeit sp√§ter paddeln wir unter einer weiteren Bundesstra√üe hindurch und erreichen unmittelbar dahinter das Zeltgel√§nde des Kanuclubs "Graf Luckner", wo unsere Tagesetappe nach 20,5 km ihr Ende findet. Es ist bereits nach 18.00 Uhr, als wir unser Boot an Land hieven, uns auf der im Gegensatz von heute mittag sehr belebten Wiese eine Stelle f√ľr unser Zelt suchen und unser Quartier aufschlagen. Eine komplette Schulklasse, die wie wir in Blaibach gestartet ist, hat sich hier unter der Regie ihres Kanulehrers Wolfgang bereits ausgebreitet und soll unsere Wege w√§hrend der n√§chsten Tage noch des√∂fteren kreuzen.

Die Anmeldung des Kanuclubs ist nicht besetzt. Ein Zettel an der T√ľr informiert uns, dass ab 20.00 Uhr wieder jemand hier sein wird. Ganz solange wollen wir aber nicht warten, ehe wir die Stadt erkunden und nach einer netten Einkehrm√∂glichkeit absuchen. Bei den Toiletten gibt es jeweils eine warme Dusche f√ľr Frauen und M√§nner, die nicht mit diesen d√§mlichen M√ľnzautomaten ausgestattet sind, wie man sie von den meisten Campingpl√§tzen kennt. Die M√§nnerdusche ist frei — eine Gelegenheit, die ich mir nicht entgehen lasse. Von drau√üen h√∂re ich Johannas Stimme quieken, die offensichtlich gerade eine der Au√üenduschen ausprobiert, wo es nur kaltes Wasser gibt.

Als wir alle ausgehfertig sind, ziehen wir los. Allzulange brauchen wir nicht nach einem vielversprechenden Restaurant zu suchen. Auf dem Weg ins Ortszentrum kommen wir an der Pizzeria Orlandini vorbei und sto√üen damit zuf√§llig auf dieselbe Pizzeria, die auch meine Schwester bei ihrer Paddeltour auf dem Regen vor einigen Jahren besucht und von der sie uns vor unserem Urlaub in den h√∂chsten T√∂nen vorgeschw√§rmt hat. Zurecht, wie sich herausstellt! Durch eine h√ľbsch gestaltete Toreinfahrt geht man zu einem Innenhof und befindet sich pl√∂tzlich und unvermittelt mitten in Italien. An den W√§scheleinen, die √ľber den K√∂pfen der G√§ste von Hauswand zu Hauswand gespannt sind, h√§ngen Hemden, Hosen und Unterw√§sche. In dem Fenster daneben sitzt ein Hund und betrachtet neuguerig das Treiben zu seinen F√ľ√üen. Olivenb√§ume und sonstige mediterran anmutende Pflanzen schm√ľcken das Innere des Hofes. Die Fassade einer der H√§userw√§nde erinnert an eine Burg. Dazu Kerzenlicht, Gel√§chter, der Duft k√∂stlicher Pizzen und die laue Abendluft nach einem hei√üen Sommertag. Zum Gl√ľck finden wir einen freien Tisch.

Das Bier schmeckt nach einem solchen Tag nat√ľrlich ganz besonders lecker, doch auch der Rest steht kann mithalten. Dieter teilt sich seinen Salat mit uns, den er sich zur Vorspeise bestellt hat, dann kommen unsere Pizzen. W√§hrend des Essens verraten uns Johanna und Dieter, dass sie eine weitere Etappe auf dem Regen anh√§ngen und morgen wieder mit uns paddeln wollen, wor√ľber wir uns nat√ľrlich sehr freuen. Wir bleiben noch eine ganze Weile sitzen, nuckeln an unseren Bieren und genie√üen die einzigartige Atmosph√§re dieses Hofes, ehe wir noch f√ľr eine kleine n√§chtliche Stadtbesichtigung aufbrechen. Dieter sichert sich noch ein Eis an einer Eisdiele, danach treten wir den R√ľckzug zu unseren Nachtquartieren beim Kanuclub an.

Die Anmeldung ist nun ge√∂ffnet. Offenbar hat man extra auf uns gewartet. 9,00 Euro kostet die √úbernachtung hier f√ľr zwei Personen — ein Schn√§ppchen.

Es ist die erste Nacht im Zelt in diesem Urlaub, und nun riecht der Urlaub auch nach Urlaub. Schade ist nur, dass wir an diesem Abend den bockenden Rei√üverschluss unseres Innenzeltes nicht unter Kontrolle bekommen. Zum Schlu√ü verschlie√üe ich die √Ėffnung notd√ľrftig mit einer Handvoll W√§scheklammern — zur Freude der M√ľcken drau√üen, die schon auf warten.

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