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Tour zum Kleinen Pälitzsee


Geländedarstellung: © 1998 Microsoft (Encarta)
[So, 20. Juli 2008]

An diesem Morgen deutet zun√§chst nichts hin, dass dies der sch√∂nste Tag unseres Urlaubs werden soll. Das Wetter zeigt sich mal wieder von seiner grauen und k√ľhlen Seite. Nach dem Fr√ľhst√ľck — auch heute wieder mit Br√∂tchen, die wir abends zuvor in der Rezeption bestellt haben — packen wir unsere Sachen. Unser Zeltschild in Form einer abgelaufenen Telefonkarte, die belegen soll, dass wir unsere √úbernachtung hier auch bezahlt haben, ist r√§tselhafterweise verschwunden, was wir artig bei der Rezeption melden. Wie sich herausstellt hat die Campingplatzbetreiberin die Dinger gestern abend bei ihrer Kontrollrunde h√∂chstpers√∂nlich eingesammelt. Blinder Alarm unsererseits also. Das Zelt ist wie schon des √∂fteren gut befeuchtet, und der allgegenw√§rtige Sand tut sein √úbriges, um unsere Motivation zu drosseln. Als wir uns vom Ufer absto√üen, ist es schon recht sp√§t. 21 km haben wir uns f√ľr heute als Ziel gesetzt: vom Gobenow See durch das Drosedower Beek in den R√§tzsee, danach durch die Oberbeck in den Vilzsee, weiter nach Diemitz, √ľber den Labussee nach Canow, von dort in den Canower See und in den angrenzenden Kleinen P√§litzsee, an dessen Nordufer sich der Campingplatz befindet, der unsere Ausgangsbasis f√ľr die Tour nach Rheinsberg am n√§chsten Tag werden soll. Die haben wir mittlerweile mit auf unseren Fahrpan genommen, auch wenn der Weg dahin eine Sackgasse bedeutet, die wir hinterher wieder zur√ľckpaddeln m√ľssen. Wir k√∂nnten die 21 km f√ľr den heutigen Tag jedoch auch erheblich abk√ľrzen, indem wir einfach den Gobenow See √ľberqueren und durch die Dollbeck direkt in den Labussee einfahren, von wo aus wir bald in Canow sein w√ľrden. Das Wetter und die Uhrzeit sprechen nicht gerade massiv dagegen. Erst als wir auf dem Wasser sind, entscheiden wir uns f√ľr die erste Variante — wobei wir schon jetzt in Kauf nehmen, den Kleinen P√§litzsee an diesem Tag wom√∂glich nicht zu erreichen. Doch wir sollen uns irren.

Als wir auf das Drosedower Beek zuhalten, zeigen sich im Norden zum ersten Mal wieder blaue L√ľcken zwischen den Wolken. Wenig sp√§ter — wir haben den See gerade verlassen — zwingt uns ein kurzer Regenschauer schon wieder unter die Bl√§tter der am Ufer stehenden B√§ume. Doch scoh wenig sp√§ter kommt die Sonne raus, um uns f√ľr unseren Mut zu belohnen. Das Drosedower Beek entpuppt sich als wahres Naturidyll. Urspr√ľngliche Vegetation zu beiden Seiten des Flusslaufs und Seerosen √ľber Seerosen. Gem√§chlich paddeln wir den gewundenen Bach entlang und saugen die wunderbaren Eindr√ľcke in uns auf. Als wir den R√§tzsee erreichen, wissen wir bereits, dass sich der Umweg gelohnt hat. Zudem haben wir inzwischen allen Grund nach der Sonnencreme zu kramen.

Ausgehend von der Karte in unserem Gew√§sserf√ľhrer habe ich mir den R√§tzsee als eher uninteressantes, weil langgestrecktes und eint√∂niges Gew√§sser vorgestellt. Zudem soll er bei Wind aus westlichen Richtungen recht unangenehm zu paddeln sein. Tats√§chlich kommt der Wind aus Westen, wenn auch l√§ngst nicht so geballt wie am Vortag auf dem Pl√§tlinsee. Unter der ungewohnten Sonne ist die Fahrt ein pures Vergn√ľgen. Wir wechseln alsbald auf die Westseite, um einerseits dem Wind ein wenig die Puste zu nehmen und um andererseits Ausschau nach einem der sch√∂nen Rastm√∂glichkeiten zu halten, von denen in unserem Kanuwanderf√ľhrer die Rede ist. Nachdem wir etwa zwei Drittel unserer Wegstrecke auf dem See zur√ľckgelegt haben, werden wir an einer in den See ragenden Landspitze f√ľndig. Eine L√ľcke im Schilf bahnt uns den Weg zu einem Pl√§tzchen, wie wir es sch√∂ner auch in Schweden nicht h√§tten finden k√∂nnen. Hier m√ľssen wir mehr machen als nur eine Br√∂tchenpause, und so kramen wir unseren Campingkocher und ein P√§ckchen Linsensuppe heraus. Zum ersten Mal in diesem Urlaub versp√ľren wir wieder dieses berauschende Gef√ľhl von Freiheit und Abenteuer, das uns zu diesen Reisen antreibt.

Auch nach dem Essen lassen wir uns Zeit. Von unserem Plan, an diesem Tag 21 km zur√ľckzulegen, haben wir uns inzwischen verabschiedet, ohne jedoch genauer dar√ľber nachgedacht zu haben, wo wir unsere Etappe stattdessen enden lassen. Der n√§chste Campingplatz, ab dem Punkt, wo uns die Lust oder die Kraft ausgeht, wird es denn wohl sein, wo immer der auch liegen mag. W√§hrend Kordula d√∂st, untersuche ich einen kleinen Trampelpfad, der von unserem Rastplatz wegf√ľhrt und sto√üe auf eine Wanderh√ľtte nebst Wanderweg, der den See entlangzuf√ľhren scheint. Auf dem R√ľckweg k√ľmmere ich mich um den Nachtisch und pfl√ľcke ein paar Beeren. Danach lese ich Kordula noch ein wenig aus dem Katzen-Roman von Rita Mae Brown vor.

Wie meistens an solchen Orten ist Kordula diejenige, die f√ľr Aufbruchsstimmung sorgt. Ich f√ľr meinen Teil k√∂nnte ewig hier unter im Halbschatten der B√§ume faulenzen. Doch wie immer beuge ich mich auch diesmal dem Joch der verstreichenden Zeit. Zur√ľck im Boot fliegen wir regelrecht √ľber das Wasser und erreichen das Ende des R√§tzsees viel schneller als erwartet. Die Oberbeck, der n√§chste Flussabschnitt auf unserer Route, wartet mit einer kleinen √úberraschung auf — eine Umtragestelle, die wir auf unserer Karte einfach √ľbersehen haben. Beinahe w√§ren wir in die Wehranlage der Fleether M√ľhle gepaddelt. Nachdem wir unseren Irrtum erkennen, gehen wir zwischen einer recht gro√üen Gruppe anderer Kanuten an Land, bocken unser Boot auf den Wagen, und schieben es zur Stra√üe hoch. Auf der anderen Stra√üenseite lockt hinter dem verfallenen M√ľhlen-Geb√§ude ein h√ľbscher Biergarten, doch wir k√∂nnen ja nicht schon wieder eine Pause machen. Also dirigieren wir "Lisa" weiter zum n√§chsten Gew√§sser, dem Vilzsee. Von ihm nehmen wir nur einen kurzen Eindruck mit. Ein Seefahrtzeichen weist uns den Weg zum √∂stlich von uns gelegenen Gro√üen Reetschsee und erinnert uns daran, dass wir uns die Seen-Landschaft von nun an wieder mit den motorisierten Wasserwanderern teilen m√ľssen. Doch als wir die Schleuse Diemitz erreichen, lassen wir alles an Motorbooten hinter uns, was uns auf dem kurzen Abschnitt seit der Umtrage √ľberholt hat. Ein nettes Gef√ľhl, an der langen Schlange der am Ufer Wartenden vorbeizupaddeln, um dann direkt in die Schleuse einzufahren, die sich eben ge√∂ffnet und die in die Gegenrichtung fahrenden Boote entlassen hat. Neben den f√ľnf bis sechs gro√üen Motorbooten ist f√ľr eine Handvoll Kanus immer Platz und so darf man sich als Paddler h√∂chst offiziell einfach vordr√§ngeln. Cool! In der Schleuse ist uns dann aber zwischen all den steil aufragenden Bootsw√§nden doch ein wenig mulmig zumute, zumal nicht jeder der dort agierenden Freizeitkapit√§ne den souver√§nsten Eindruck macht. Prompt f√§llt von dem Boot ganz vorne in der Schleuse ein √§lterer Mann ins Wasser. Augenscheinlich kommt er mit dem Schrecken davon, dennoch fertigt der Schleusenw√§rter erst einmal einen kurzen Unfallbericht an, ehe es weitergeht.

Wenig sp√§ter befinden wir uns bereits auf dem Labussee, und so langsam wird es Zeit sich Gedanken zu machen, wo wir die kommende Nacht denn nun verbringen wollen. Den einen in Frage kommenden Campingplatz lassen wir gerade linker Hand liegen. Von dem zweiten trennen uns nur noch etwas mehr als zwei Kilometer. Doch im Augenblick haben wir das Gef√ľhl, dass wir noch ewig weiter paddeln k√∂nnten. Die lange Mittagspause hat unseren Kraftreserven gut getan, und der Hunger l√§sst auch noch auf sich warten. Davon abgesehen ist das Wetter wie aus dem Bilderbuch. Also setzen wir unsere Tour fort und verlassen uns darauf, dass wir an der Schleuse in Canow √§hnlich z√ľgig durchkommen werden.

Im Kanal vor der Schleuse werden wir dann Zeuge eines verbalen Schlagabtauschs zwischen zwei Motorbootkapit√§nen. Der eine von ihnen hat offensichtlich nicht erkannt, dass er sich bereits im Wartebereich der Schleuse befindet — allem Anschein nach wei√ü er mit der Beschilderung nichts anzufangen — und ist an der am Ufer wartenden Konkurrenz vorbeigeschippert. Um nicht wenden zu m√ľssen, legt er an einem freien Platz vor den Wartenden an. Einer der √úberholten plustert sich daraufhin unheimlich auf und zieht ordentlich vom Leder, w√§hrend der Vordr√§ngler sich zun√§chst noch in Erkl√§rungen und Entschuldigungen versucht. Irgendwann schie√üt er dann aber auch zur√ľck. Hat ein bisschen was von Sandkastenstreit und ist sehr lustig anzusehen, w√§hrend wir selbst an den beiden Streith√§hnen vorbeiziehen, um uns noch weiter vorne einzureihen.

Auch vor der Schleuse Canow m√ľssen wir nicht lange warten. Wie schon kurz zuvor in Diemitz, haben sich die Tore gerade ge√∂ffnet, als wir ankommen. In der Schleusenkammer muss sich einer der Motorbootinsassen aber schnell mal eines unserer Paddel schnappen, um sein in unsere Richtung driftendes Boot damit von der Wand wegzusto√üen. "Ist in ihrem eigenen Interesse", sagt er, was wohl so etwas wie eine Entschuldigung sein soll. Wieder haben wir etliche Motorbootfahrer hinter uns gelassen und f√ľhlen uns, als ob wir auf einer √úberholspur paddeln. Von nun an ist auch klar, dass wir unsere 21 km an diesem Tag tats√§chlich paddeln werden, denn am Canower See befindet sich kein Campingplatz. Also m√ľssen wir weiter zum Kleinen P√§litzsee, wo wir in etwas mehr als zwei Kilometer Entfernung auf unser Nachtquartier sto√üen werden.

Als wir den Kleinen P√§litzsee erreichen, m√ľssen wir erst ein wenig suchen. An der Stelle, wo sich der Campingplatz befinden soll, erkennen wir lediglich eine Reihe verlassen wirkender Wochenendh√§user. Und auch die Wohnwagen nebenan wirken recht unbelebt. Schlie√ülich finden wir die Anlandestelle und steigen aus. Der Campingplatz scheint nicht gerade das Mekka der Kanuwanderer zu sein. Nachdem wir noch am Vortag in Mitten einer Horde gehaust haben, wirkt die hiesige Ruhe umso konrastreicher auf uns. M√∂glich, dass einfach nur das zu Ende gehende Wochenende f√ľr die Atmosph√§re hier verantwortlich ist. Kordula macht sich auf die Suche nach der Rezeption, w√§hrend ich mich an ein paar Techniken √ľbe, wie man das Faltboot mit nur einer Manpower aus dem Wasser und auf den Bootswagen bekommt. W√§hrenddessen l√§sst sich Kordula bei der etwas spie√üig auftretenden Campingplatz-Verwaltung ein gelbes Schild f√ľr unser Zelt laminieren. M√∂glich, dass f√ľr diesen Akt unsere Rechnung von 14,50 Euro auf 15,00 Euro aufgerundet wird. Wir suchen uns auf einer der unteren Terasse ein nettes Pl√§tzchen f√ľr unser Zelt und achten darauf, dass der Weg zu der √ľberdachten Tischgruppe am Uferstreifen unter uns nicht zu weit wird. Links von uns haben bereits zwei Radfahrerinnen ihr Quartier bezogen und sch√ľtten sich jetzt ein Bierchen in die R√ľbe, w√§hrend die Abendsonne ihre nassen Klamotten vom Vortag zu trocknen versucht. Direkt oberhalb von uns befindet sich einer der wenigen Dauercamper-Wohnwagen dieses Campingplatzes, der an diesem Abend bewohnt ist. Wir verlassen uns einfach darauf, dass das P√§rchen sich nicht zu sehr daran st√∂rt, dass wir ihnen so nah auf die Pelle r√ľcken. Allerdings verschwinden die beiden dann doch recht schnell von ihrer kleine Terasse in die eigenen vier Blechw√§nde. Unterdessen machen wir es uns bei der √ľberdachten Tischgruppe gem√ľtlich, essen noch ein wenig zu Abend — Kordula hat in dem Laden, der an die Rezeption angeschlossen ist, Bier und zwei dicke Bockw√ľrste erstanden — und geben uns unserer Kniffelleidenschaft hin. Sp√§ter vor dem Schlafengehen lassen wir das Farbspiel des Himmels und die Weite der d√§mmrigen Landschaft auf uns wirken, die sich einem oben auf der freien Fl√§che um das Sanit√§rgeb√§ude herum er√∂ffnet. Danach studieren wir die sehr aufschlussreichen Schilder, mit denen die Campingplatz-Verwaltung die Innen- und Au√üenw√§nde des Sanit√§rgeb√§udes zugepflastert hat. "Bitte alle Dauercamper an der Rezeption melden" steht da ohne Angaben eines Datums zu lesen, oder auch "Wegen Vandalismus verf√ľgt die Toilette √ľber kein Klopapier". Soso! Sei's drum. Wir bleiben ja nur eine Nacht.

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