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Tour zum Rheinsberger See


GelÀndedarstellung: © 1998 Microsoft (Encarta)
[Mo, 21. Juli 2008]

Meine Blase treibt mich an diesem Morgen besonders frĂŒh aus dem Zelt. Ich nutze die Gelegenheit und nehme mein Handy mit, um es in dem noch verlassenen SanitĂ€rgebĂ€ude aufzuladen. Heute muss sich meine Ma in Mannheim einer ambulanten Venen-Operation unterziehen, und da will ich wenigstens erreichbar sein, wenn ich schon nicht vor Ort bin. Am Vorabend habe ich noch von Kordulas Handy aus mit ihr telefoniert, weil der Akku von meinem GerĂ€t so gut wie leer war. Es ist schon peinlich genug, dass ich mein Guthaben vor dem Urlaub extra noch einmal großzĂŒgig aufgestockt habe, um jetzt die ganze Zeit mit leerem Akku herumzurennen. Den habe ich vor unserer Abreise nĂ€mlich nicht mehr gefĂŒllt. Also muss ich das jetzt nachholen.

NatĂŒrlich will ich keine halbe Stunde daneben stehen, bis der Akku wieder voll ist. Deshalb hĂ€nge ich das GerĂ€t an die Steckdose einer der Waschkabinen, die von innen verschließbar sind. Am Vorabend habe ich bereits getestet, dass man das auch bequem von außen zustande kriegt. Der vierkantige Stift, der durch das Schloss hindurchgeht, ist gut mit den Fingern zu packen und recht leichtgĂ€ngig — zumindest beim Verriegeln der TĂŒr. Als ich sie probeweise wieder entriegeln will, hakt das Schloss. Naja, denke ich mir, Kordula hat ja eine Zange dabei. Damit wird es nachher schon klappen. Kurz darauf liege ich wieder im Zelt.

Als ich Kordula spĂ€ter dann beilĂ€ufig nach der Zange frage und sie ĂŒber die HintergrĂŒnde informiere, ist sie schockiert. Im Geiste sieht sie uns schon als Klopapier zerstĂŒmmelnde Vandalen gebrandmarkt und die nĂ€chste Generation von Schildern an den WĂ€nden des SanitĂ€rgebĂ€udes hĂ€ngen — "Wegen Vandalismus verfĂŒgt die Toilette ĂŒber keine TĂŒren"! Nach einigem DrĂ€ngeln ihrerseits gehe ich mit der Zange zu den WaschrĂ€umen zurĂŒck. Der Betrieb hĂ€lt sich noch immer in Grenzen. Dass sich in der verschlossenen Kabine niemad befindet, ist scheinbar noch keinem aufgefallen. Zum GlĂŒck lĂ€sst sich die TĂŒr mit der Zange ohne Probleme entriegeln. Auch in mir macht sich etwas Erleichterung darĂŒber breit. Immerhin ist das Handy jetzt wieder voll aufgeladen. Die Aktion hat sich also auf jeden Fall gelohnt.

Zum FrĂŒhstĂŒck kriegen wir auch an diesem Morgen wieder Brötchen. Unser scheibenweise verpacktes Vollkornbrot werden wir also weiterhin eher sinnlos durch die Gegend schippern. Leider hat Kordula in dem Laden bei der Rezeption nicht nach Handschuhen gefragt. Die könnten wir heute nĂ€mlich gut gebrauchen, denn es ist lausig kalt geworden. Im Radio wird von 10°C bis 11°C berichtet. Grauen Himmel zum FrĂŒhstĂŒck sind wir ja schon gewohnt — obgleich auch das nach dem gestrigen Sonnentag heute eine EnttĂ€uschung ist — aber auf herbstliche KĂ€lte hĂ€tten wir gerne verzichtet. Immerhin gibt es einen Silberstreif am Horizont. Laut Wetterbericht soll ab Mittwoch endlich der Sommer zurĂŒckkommen. FĂŒr heute ist dagegen erst einmal wieder Regen angesagt. In der Rezeption empfieht man Kordula das Freizeitbad mit Sauna in der Marina Wolfsbruch, doch da habe ich schon mit dem Abbau des Zeltes begonnen.

Nachdem wir aufgebrochen sind und ĂŒber den Kleinen PĂ€litzsee in Richtung Kleinzerlang paddeln, wandern meine Gedanken immer wieder zu meiner Ma, die jetzt in Mannheim auf dem Operationstisch liegt. Im HĂŒttenkanal ist dann wieder Schleusen angesagt. Kurz zuvor werden wir von einem Floß mit Außenborder ĂŒberholt, dessen ĂŒbermĂŒtiger und gutgelaunter FreizeitkapitĂ€n uns anbietet, uns ein wenig zu schleppen. Freundlich dankend lehnen wir ab, und das ist auch gut so. Wenig spĂ€ter an der Schleuse holt sich der Mann einen Anpfiff vom SchleusenwĂ€rter ab, weil er im weithin gut sichtbaren Parkverbot steht. Beim anschließenden Manöver brettert er sein GefĂ€hrt erst einmal gegen einen Pfeiler. In der Schleusenkammer halten wir deshalb gebĂŒhrenden Abstand. Allerdings fĂ€llt das auch nicht schwer, denn noch ist hier nicht allzuviel Betrieb. Wir passieren die Marina Wolfsbruch — eine gigantische Anlage mit Hotel und endlos vielen Stegen, die nicht so richtig hierher passen will, doch nach wenigen PaddelschlĂ€gen ist sie schon wieder aus unserem Blickfeld verschwunden.

Inzwischen werde ich immer unruhiger. Meine Ma will sich melden, wenn sie alles gut ĂŒberstanden hat. Doch wir haben keinen Empfang. Endlich als wir das Ende des HĂŒttenkanals erreichen, um in den Großen Prebelowsee einzubiegen, zeigt Korduals Handy den Empfang einer Nachricht an. Hastig hören wir die Mailbox ab. Offenbar ist alles gut verlaufen. Dann setzt der angekĂŒndigte Regen ein. Wir paddeln ans Ufer des kleinen Kanals, der in den Tietzow See fĂŒhrt und suchen Schutz unter dem Laubdach der BĂ€ume. Der Handy-Empfang ist wieder weg, ein RĂŒckruf also erst einmal nicht möglich. Ein paar Kajakfahrer haben sich ebenfalls unter den BĂ€umen versammelt. Einige von ihnen sind sogar an Land gegangen. Einer von ihnen, ein weißhaariger Ă€lterer Mann, kommt bald zu uns herĂŒber gelaufen. Der große Sack auf dem Heck unseres Bootes hat ihn neugierig gemacht, und jetzt will er genau wissen, ob wir so eine richtige Wasserwanderung machen, mit Zelt und allem drum und dran. Wir erzĂ€hlen ihm, dass wir vor fĂŒnf Tagen in Kratzeburg aufgebrochen und nun auf dem Weg nach Rheinsberg sind. Der alte Mann seufzt. Das sei immer sein Traum gewesen, sagt er uns. Aber jetzt mit seinen 71 Jahren sei das Übernachten im Zelt einfach nichts mehr fĂŒr ihn. Er und seine Reisebegleiter haben feste UnterkĂŒnfte, und nun paddeln sie so ein wenig in der Gegend herum. Entsprechend zurĂŒckhaltend fĂ€llt sein VerstĂ€ndnis fĂŒr unseren Hader mit dem Wetter aus. Er weiß eben nicht, wie sich das anfĂŒhlt, morgens ein nasses, sandiges Zelt ein- und abends wieder auszupacken.

Irgendwann lĂ€sst der Regen soweit nach, dass wir uns wieder aufs Wasser hinaustrauen. Wir paddeln in den Tietzow See hinein, der eher einem breiten Fluss, als einem See Ă€hnelt. Die vor uns Paddelnden mĂŒssen sich ein paar Schwimmerinnen vom nahen Campingplatz erwehren, die sich ans Heck ihres Bootes klammern und wir machen vorsichtshalber einen weiten Bogen um die anhĂ€nglichen MĂ€dels. Nach einer leichten Linkskurve gelangen wir in den Jagowkanal, an dessen Ende uns unsere GewĂ€sserkarte eine Einkehrmöglichkeit verspricht. Heißer Kaffee wĂ€re jetzt genau das Richtige fĂŒr uns. Doch der wartet schon viel frĂŒher auf uns. Als wir wenige Meter in den Kanal hineingepaddelt sind, lockt uns ein Schild mit den Worten "Frischer RĂ€ucherfisch" in einen links gelegenen, kleinen Stichkanal, der in einen Teich fĂŒhrt. An dessen Ufern wartet das Insel-Kiosk auf uns. Auch der weißhaarige Mann, mit dem wir uns vorhin unterhalten haben, hat sein Boot hier festgemacht. Eine dicke TĂŒte RĂ€ucherfisch in der Hand, macht er sich jedoch bald wieder auf den Weg. Wir dagegen suchen uns ein ĂŒberdachtes PlĂ€tzchen und ordern erst einmal zwei große Pötte Kaffee. ÜberflĂŒssig zu erwĂ€hnen, dass Kordula auch den RĂ€ucherfisch probieren will. Nach kurzem Hin und Her entscheiden wir uns fĂŒr eine Forelle, von der wir uns ein dickes StĂŒck abschneiden lassen — Kopf mit BĂ€ckchen inklusive. Auch ich als Nicht-Fisch-Fan bin begeistert. WĂ€hrend wir essen, fĂ€ngt es wieder an zu regnen. Der Kioskbetreiber liefert sich einen nicht ganz so ernst gemeinten verbalen Schlagabtausch mit einem dunkelhĂ€utigen Jungen aus Frankfurt, der hier seine Ferien verbringt und unter anderem seine Überzeugung kundtut, hier ginge man zum Haareschneiden nicht zum Friseur sondern zum SchĂ€fer. WĂ€hrend sich Kordula nach dem Essen noch einen zweiten Pott Kaffee gönnt, muss ich erstmal meine Ma kontaktieren, denn hier ist der Handy-Empfang wieder da. Sie hört sich glĂŒcklich und erleichtert an. Am Ende war alles halb so schlimm. Eine ordentliche Schwellungen und blaue Flecken hat sie mitgenommen, und ein paar Tage mit GummistrĂŒmpfen stehen ihr jetzt bevor. Doch bis in einer Woche soll das alles ĂŒberstanden sein. Wir rĂ€umen unseren Tisch und machen Gebrauch von der Toilette hinter dem Kiosk. Kordula muss sich den SchlĂŒssel fĂŒr die Damenabteilung leihen. Als ich dann auch noch mal aufs Töpfchen möchte, ist der Kioskbetreiber schon damit beschĂ€ftigt, Nachschub fĂŒr seine RĂ€ucherei zu erangeln. Ein anderer Gast, der gerade ankommt erklĂ€rt mir, dass der Kioskbetreiber seit ein paar Tagen einen Hecht zu fangen versucht, der sich in den Teich verirrt hat. Dies erklĂ€rt wohl auch die Reuse am Eingang des Teichs, in die wir uns vorhin mit unserem Steuerblatt fast verheddert haben. Aus diesem Anlass verzichte ich auf den SchlĂŒssel fĂŒrs MĂ€nnerklo und lasse mir von Kordula den fĂŒr die Damentoilette aushĂ€ndigen. Not kennt kein Gebot!

Der Regen hat aufgehört, als wir wieder aus dem Teich in den Jagowkanal paddeln, doch alles fĂŒhlt sich kalt und klamm an. Unter einer BrĂŒcke hindurch, an der ein paar Bauarbeiter zu Gange sind kommen wir in den Schlabornsee. Zu unserer Linken kommen Anlegestege ins Bild, dahinter das Restaurant mit schöner Terasse, die wir aber nach der Pause eben nicht mehr in Anspruch nehmen mĂŒssen. Inzwischen ist der Wind auch wieder aufgefrischt. Wir tauchen in einen weiteren Kanalabschnitt ein. An seinem Rand sitzt ein Fischreiher auf einem Holzbalken und beobachtet unbeeindruckt den Schiffsverkehr. Auch die zahlreichen Motorboote, die hier mittlerweile unterwegs sind, scheinen ihn nicht zu schrecken.

Als wir auf den Rheinsberger See hinausfahren, blĂ€st uns der Wind wieder einmal voll ins Gesicht. Wir halten auf die Remus-Insel in der Mitte des Sees zu, die wir umrunden mĂŒssen, um zum Campingplatz zu gelangen. Wir tun dies auf ihrer Ostseite, um möglichst lange im Windschatten paddeln zu können, der uns eine kurze Phase der Entspannung gönnt. Dann geht es noch einmal in die Vollen, und auf einmal sind wir schon an dem breiten Strand des Rheinsberger Campingplatzes Warenthin. Eine weitere Etappe liegt hinter uns. Selten kam sie uns so kurz vor. Wir erinnern uns, dass wir jetzt brandenburgischen Boden unter den FĂŒĂŸen haben.

Die Rezeption des Platzes ist bis 18.00 Uhr nicht besetzt, wie wir von einem Schild erfahren, also bauen wir unser Zelt eben unangemeldet auf. Die große Wiese ist uns ein bisschen zu schrĂ€g. ErfahrungsgemĂ€ĂŸ schlĂ€ft es sich da nicht so gut, weshalb wir uns unten links in die Ecke zwĂ€ngen, wo ein verschlossenes Törchen zu den Booststegen mit den Segelbooten fĂŒhrt. Dreisterweise bauen wir auch noch unser Sonnensegel auf, das wir in diesem Urlaub noch kein einziges Mal in Gebrauch hatten, aber hier wollen wir ja nun zwei NĂ€chte bleiben, da lohnt sich das wenigstens. Der Weg zu dem Törchen ist nun allerdings etwas eingeengt. Unweit von unserem Zelt stehen ein paar Gartenpavillons aneinandergereiht. Eine vielköpfige Familie mit lautstarkem Berliner Dialekt hat sich darunter breit gemacht, weswegen wir zunĂ€chst glauben, die Pavillons seien deren Eigentum. TatsĂ€chlich sind sie aber so etwas wie der hiesige Gemeinschaftsraum. Die Toiletten befinden sich ein gutes StĂŒck entfernt im angrenzenden Wald. Die Konstruktion lĂ€sst auf ehemalige Plumpsklos schließen, die irgendwann einmal ans Kanalnetz angeschlossen wurden. Die WaschrĂ€ume sind in Containern untergebracht. Alles etwas spartanisch, aber irgendwie gemĂŒtlich familiĂ€r. Nachdem wir uns etwas orientiert und eingerichtet haben, schreiben wir einen Zettel, den wir an der Rezeption hinterlassen, und der verraten soll, dass wir die mit dem großen Sonnensegel sind und uns gerade in Rheinsberg herumdrĂŒcken. Wenig spĂ€ter machen wir uns auf den Weg.

Das Boot lassen wir dabei am Zelt stehen. Der Weg ĂŒbers Wasser ist etwas weiter als der zu Fuß, und etwas Abwechslung bei der Wahl der Fortbewegung sollte eigentlich auch nicht schaden. Der Familienvater der Truppe im Pavillon hat uns eine Entfernung von 5 km auf der Straße bis Rheinsberg prognostiziert. Das kann eigentlich nur zu hoch gegriffen sein. TatsĂ€chlich verlassen wir nach etwas mehr als einer halben Stunde den Wald, durch den die Straße ohne nennenswerte Abwechslung fĂŒhrt. Eine Lichtung öffnet sich zu unserer Rechten, in deren Mitte ein Obelisk in den Himmel ragt. Dahinter fĂ€llt die Lichtung zum Wasser ab, auf dessen anderer Seite das Rheinsberger Schloss zu sehen ist. Vor den grauen Wolken, die sich darĂŒber auftĂŒrmen, wirkt es wie eine kĂŒnstliche Filmkulisse. Wir gehen den Weg zum Wasser hinunter und gelangen in den Schlosspark, ĂŒber den wir recht schnell in die Stadt gelangen.

Beim Stadtbummel macht sich schnell bemerkbar, dass Rheinsberg nicht Neustrelitz ist. In den Straßen, in denen sich das öffentliche Leben abspielt, kann man sich durchaus wohl fĂŒhlen, allerdings hat man sie auch schnell abgeklappert. Wir lassen uns von einer der zahlreichen Tafeln in den mediterran gestalteten Innenhof eines netten, kleinen Restaurants namens Laternenhof locken, in dem wir einen Salat fĂŒr Kordula und einen Tapas-Teller fĂŒr mich bestellen. Auch hier sitzen wir jedoch bald alleine. Die meisten GĂ€ste verdrĂŒcken sich lieber nach innen, denn inzwischen ist es schon wieder recht kĂŒhl.

Der Weg zurĂŒck zum Campingplatz zieht sich, aber irgendwann liegt auch er wieder hinter uns. Inzwischen ist es auf der großen Wiese deutlich lebendiger geworden. Wir holen die AnmeldeformalitĂ€ten — die Übernachtung kostet uns hier nur 11 Euro pro Nacht — nach und bestellen uns Brötchen fĂŒr den nĂ€chsten Morgen vor. Dann quetschen wir uns zu unseren Nachbarn unter den Pavillon und schreiben UrlaubsgrĂŒĂŸe auf Ansichtskarten. Auch der Regen hat sich wieder eingestellt. Auf der Wiese sind zwei MĂ€nner — einer von ihnen sieht aus wie eine etwas schlankere und jĂŒngere Ausgabe von Andy Borg — damit beschĂ€ftigt, ein mannshohes Zelt mit drei Kammern aufzubauen — oft haben sie das scheinbar noch nicht gemacht —, und ich erggötze mich an ihrem Anblick, wĂ€hrend das Wasser ihnen auf die Köpfe prasselt. Anschließend fĂŒhren wir unsere Kniffel-Urlaubsmeisterschaft fort. Nachdem ich in der Disziplin am Anfang des Urlaubs aussichtslos in RĂŒckstand geraten bin, gelingen mir inzwischen erste Achtungserfolge.

Wir beschließen den Abend in unserem Zelt mit ein paar Seiten aus dem Katzenkrimi. Als wir gerade am Einnicken sind, stolpert einer unserer Nachbarn ĂŒber die Abspannschnur unserer Sonnensegels und bringt es zum Einsturz. Doch das juckt uns jetzt auch nicht mehr. Dass sie das Sonnensegel wieder aufstellen, bekomme ich nicht einmal mit.

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